Mein Zeugnis (Jugend und Ausbildungszeit)
Als ich siebzehn Jahre alt war, geschah ein einschneidendes Erlebnis. Der junge Mann, für den ich schon etliche Jahre geschwärmt hatte, wurde auf mich aufmerksam und wir begannen miteinander auszugehen. Das riss mir geradezu den Boden unter meinen Füßen fort. Ich war wie berauscht und konnte meinen Alltag nicht mehr pflichtgemäß bewältigen. Ich war hin und hergerissen zwischen den Schulanforderungen und meinem Bedürfnis, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich geriet regelrecht in eine destruktive Abhängigkeit, die unsere Beziehung in eine Abwärtsspirale bugsierte und schließlich dazu führte, dass er sich zugunsten einer anderen jungen Frau, von mir trennte. Dieses tiefe schwarze Loch, das sich damals vor mir auftat, erschien mir wie der aller schlimmste Schmerz, unmöglich für mich, ihn jemals zu überwinden. Leider gab es niemanden in meinem Bekanntenkreis, der diese Erfahrung auch so schon mal gemacht hatte und mir konstruktiv helfen konnte. Eine gute Freundin brachte mir Literatur zum Thema vorbei, um mir irgendwie beizustehen. Tatsächlich war das die Hilfe, die mich gefühlt weiterbrachte und ich suchte die örtliche Bibliothek auf, um weiteres Material zum Thema zu finden. Hier begann mein Einstieg in das Thema "Lebenshilfe", denn hier bekam ich für mich stimmige und wie ich fand hilfreiche Einsichten über die Welt und das Leben erklärt. So las ich in einem etwas spirituelleren Werk, dass wenn man eine Person, die man, ohne sie zu kennen, sofort auf unerklärliche Weise umwerfend findet, sie bereits aus einem früheren Leben kannte. Und genau so war es mir ja ergangen, als ich das allererste Mal auf diesen jungen Mann, der nun mein Exfreund war, aufmerksam geworden bin. Sein Name erklang mir damals wie Musik und ich hatte sofort gewusst, dass ich diesen Mann heiraten werde. Da mag ich ungefähr elf Jahre alt gewesen sein, im Publikum einer Theateraufführung sitzend, in der er die Hauptrolle spielte. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit der Theorie der Reinkarnation beschäftigt, aber dieser Abschnitt in dem Selbsthilfebuch traf mich wie ein Pfeil. Für mich gab es keinen Zweifel. Ich musste ihn bereits aus einem früheren Leben gekannt haben, und wenn dem so war, dann war dieses jetzige Leben nicht das Einzige, welches ich hier auf Erden verbrachte. Ich war anscheinend schon etliche Male hier auf der Welt und machte eine übergeordnete Entwicklung durch, in dem ich in jedem Leben die Prüfungen, die sich aus dem vorigen Leben ergaben, im gegenwärtigen Leben zu bestehen hatte.
Ich war noch sehr lange mit meinem Liebeskummer beschäftigt, aber nun verfolgte
ich immer mehr den spirituellen und esoterischen Ansätzen, die ich entdeckt
hatte, und ein spiritueller Roman, den ich las, folgte auf den nächsten.
Ich denke, da begann die Abkehr von der wenigstens in meiner Jugend doch gar
nicht mal so wenig präsenten Kirche. Nach Beendigung der Schule ging ich
erstmal nach England und später entschloss ich mich Holzbildhauerin in einer
Berufsfachschule für Holzbildhauerei in Oberbayern zu lernen. Nun war ich im katholisch
geprägten Bayern mit lauter künstlerisch und alternativ eingestellten jungen
Auszubildenen zusammen. Wir feierten Jahres- und Ritualfeste und ich kam immer
mehr mit Menschen zusammen, die ähnliche Bücher wie ich gelesen hatten und die
nach der Wahrheit jenseits der bestehenden sichtbaren Realität suchten. Ich
lernte Leute kennen, die aus meiner Sicht spirituell schon viel weiter waren
als ich. Ich traf zum Beispiel einen Mann, der einfach im Wald lebte und von Energien sprach und
plötzlich im Gespräch stoppte, weil er meinte, jemand würde ihn gerade
telepathisch anrufen...
Während meiner Ausbildung gab es
unter anderem den Arbeitsauftrag ein Gemälde, also ein künstlerisches
zweidimensionales Werk, dreidimensional in Holz wiederzugeben. Ich hatte keine
gute Idee, was ich wählen sollte, als mein Meister mich in sein Arbeitszimmer
mitnahm und mit mir einen Bildband von Rembrandt durchblätterte. Wir kamen zu
den biblisch inspirierten Gemälden. Meine Begeisterung war entfacht. Diese
Gemälde hatte ich bereits im schulischen Kunstleistungskurs kennengelernt und
war schon damals davon fasziniert gewesen. Und nun schlug mein Meister mir vor,
ein für mich außerordentlich aufregendes Gemälde, nämlich die Kreuzabnahme
Jesu, als bildhauerisches Werk in Holz zu schnitzen. Ich freute mich riesig auf
dieses Projekt. Es inspirierte mich, es trieb mich geradezu an. Das Modell,
das ich dann in Holz kopieren würde, fertigte ich mit Modellierwachs an. Ich
war geradezu beflügelt bei der Arbeit, im sogenannten Flow modellierte ich die
Szenerie. Dieses Modell war dann mein kleiner Durchbruch in der
Holzbildhauerschule. Mein Meister war so begeistert von dem Modell, dass er
sich mit einem Holzstück neben meinen Arbeitsplatz stellte, und es auch
schnitzen wollte. Das ist allerdings dann eine andere Geschichte und soll jetzt
hier keine Rolle spielen. Für mich ist im Nachhinein nur interessant wieviel
Raum die Geschichte von Jesus doch bereits in jungen Jahren in meinem Leben
einnahm. Und die Kreuzabnahme war darin ein umfangreiches und auch emotionales
Projekt gewesen.
Im dritten Ausbildungsjahr zog ich in eine Wohngemeinschaft mit zwei jungen
Frauen aus meiner Schule zusammen. Wir hatten eine richtig gute Zeit zusammen,
und eines Tages brachte eine von ihnen das Musical "Jesus Christ,
Superstar" als Film auf DVD mit in unser zu Hause. Ich liebte Musicals
ohnehin und freute mich darauf, es anzuschauen. Es gefiel mir außerordentlich,
ich war begeistert von der Geschichte, von der Musik und von Jesus. Ich
besorgte mir die Musik von dem Musical und hörte es ständig. Und ich schwärmte
für Jesus. Auch wenn ich immer noch nicht den tieferen und eigentlichen Sinn
für seinen Tod am Kreuz verstand, spürte ich, dass er so unvergleichlich
besonders war. So kam es, dass, als wir Mädchen mal wieder zusammensaßen, und
die Idee aufkam, jede möge jetzt festlegen, welchen Namen jede einzelne ihrem zukünftigen
ersten Sohn geben würde, ich mit "natürlich Jesus!", antwortete. Ich
konnte mir keinen wertvolleren Namen als diesen vorstellen.
Am Ende des letzten Ausbildungsjahres stolperte ich in eine Lebenskrise. Ich
trennte mich von dem jungen Mann mit dem ich seit knapp eineinhalb Jahren
zusammen war, und hatte keine konkreten Zukunftspläne. Ich wusste nicht, wie
ich mein Leben weiter finanzieren sollte und ich sah den Sinn in meinem Leben
nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, wofür ich eigentlich weiterleben und was ich in
dieser Welt machen sollte, sobald meine Ausbildung vorbei sein würde. Ich kann
es hier schwer beschreiben, ich wusste einfach nicht, wozu ich eigentlich noch weitermachen sollte.
Meine Umgebung wurde zunehmend ratloser mit mir, manche wünschten sich, ich
würde einfach die Schule verlassen und verschwinden. Ich hatte keine Hoffnung mehr und beschloss eine Kirche aufzusuchen. So sah ich mich nach einer evangelischen Gemeinde um, und
besuchte eines Sonntags den Gottesdienst. Leider erfuhr ich dort keine
Ermutigung. Ich erinnere mich ganz genau an zwei Geschichten, die mir von der
Kanzel herunter gepredigt wurden:
Die zweite: Es ist Hungersnot. Seit sieben Jahren sind sämtliche Ernten ausgefallen. Jetzt nach sieben Jahren hatte ich als einzige eine reiche Ernte eingefahren. Anstatt dass ich und meine Familie uns sattessen würden und noch Vorräte lagern würden, gebe ich meine gesamten Erträge an all die anderen Bauern um mich herum ab, die ja auch in diesem Jahr wieder leer ausgegangen waren, damit sie nicht mehr hungern mussten.
Ich war schockiert. Geradezu entsetzt. Nie im Leben würde ich auch nur auf den Gedanken kommen, so zu handeln. Natürlich würde ich im ersten Fall das letzte Stück Brot mit meinem Kind teilen. Und im zweiten Fall erstmal meine Familie und mich speisen lassen, und natürlich Vorräte anlegen, damit wir auch die nächsten Tage nicht hungern müssen. Immerhin war es doch meine eigene Ernte. Fassungslos sah ich mich in der Kirche um und versuchte zu erkennen, ob die anderen Zuhörer auch schockiert waren. Aber alle machten ein sehr friedliches Gesicht. Niemand war empört. Jeder war einverstanden, außer mir. Da realisierte ich, dass, wenn das der Standard ist, um ein glückliches Leben zu führen, dann wäre mir das nicht möglich. Aus einem stets mich begleitendem Gefühl des Mangels heraus, war ich nicht bereit, dass wenn der Erfolg endlich mal auf meiner Seite stand, alles was ich erreicht hatte, bereitwillig in fremde leere Hände zu geben. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass die beiden Geschichten hier noch kein Ende gefunden hatten und dass der Pastor damals sicherlich von den unerschöpflichen Segnungen gesprochen hatte, die darauffolgen würden, wenn man im Vertrauen alles was man hat, weggibt, da der Vater im Himmel für uns sorgen wird und besonders den segnet, der bereitwillig seinem Nächsten dient. Auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass so in etwa die Predigt fortsetzte, kann ich mich an nichts Weiteres erinnern. Ich hatte in dem Moment mit der Möglichkeit, hier Hilfe zu bekommen, abgeschlossen. Mein Resümee war, ich war einfach ein durch und durch schlechter Mensch und es war daher nicht verwunderlich, dass ich leiden musste.
Allerdings hatte ich mir zuvor das Versprechen abgenommen, dass ich, bevor ich ernsthaft in Erwägung ziehen würde, meinem Leben ein Ende zu setzen, erstmal alles versuchen würde, was eine Chance beinhalten könnte, doch noch den Sinn im Leben zu finden. In diesem Moment aber, verließ ich die Kirche weiterhin hoffnungslos. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich hätte noch nicht überall gesucht.
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