Mein Zeugnis (Einstieg in die Soka Gakkai)

<- was bisher geschah <-

Nicht viel später traf ich auf dem Marktplatz zufällig eine Frau gleich dreimal hintereinander wieder, die eine Freundin von einer ehemaligen Mitbewohnerin aus meiner ersten Wohngemeinschaft war. Diese Mitbewohnerin war damals aus meiner Sicht von ihrer Denkweise schon sehr viel spiritueller als ich, und ich mochte sie auch sehr gerne. Darum sprach ich mit der Frau, die ja ihre Freundin war, um herauszufinden, wie es meiner ehemaligen Mitbewohnerin denn jetzt ginge. Beim zweiten Mal sprachen wir nochmals über sie, aber beim dritten Mal, suchten wir ein neues Thema, denn über unsere gemeinsame Bekannte hatten wir uns ja nun  ausgiebig ausgetauscht. So fragte mich diese Frau, wie es mir ginge und ich begann von mir zu erzählen. Aber anstatt, dass sie überfordert reagierte und mich mit Unverständnis abwies, sagte sie lauter sinnvolle und hilfreiche Dinge zu mir. Sie war überhaupt nicht überfordert. Sie konnte mich sogar verstehen. Das hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Ich war verblüfft, wie weise sie war. Mir tat das Gespräch richtig gut und am Ende gab sie mir ihre Telefonnummer mit den Worten, ich könne sie ja mal anrufen. Ich dachte noch, nie würde ich eine mir fast fremde Frau anrufen, aber dann kam der Januar 1999, und ich erreichte nochmals einen Tiefpunkt. Diesmal ging es mir so schlecht, dass es mir nicht möglich war im Berufsschulunterricht zu bleiben, im selben Schnitzsaal in dem auch mein Exfreund arbeitete. Ich meldete mich krank, ging nach Hause und kramte die Telefonnummer dieser Frau hervor. Und rief sie an. Obwohl mir nicht möglich war, genau zu sagen, worunter ich eigentlich leide, verstand sie mich wieder so gut, und sie sagte, es gäbe eine Lösung. Ich war verzweifelt auf der Suche nach einer Lösung und diese weise, mich so gut verstehende Frau versicherte mir, sie wüsste eine. Sie sagte, ich müsse ein bestimmtes Mantra rezitieren, welches sie mir auch nannte, und dann würde alles besser werden. Ich glaubte dieser Frau sofort. Dafür war alles, was sie bisher zu mir sagte so sinnvoll und heilsam gewesen, also musste diese Frau wirklich die Lösung für meine Lebenskrise haben. Wir verabredeten uns gleich für den Nachmittag und so besuchte ich sie noch am selben Tag. Inständig nach einem Ende meiner tiefen Verzweiflung sehnend, fing ich an diesem Nachmittag mit der buddhistischen Praxis an, dem Chanten des Titels des Mystischen Gesetzes, eine Ausübung der aus Japan stammenden buddhistischen Laienorganisation Soka Gakkai. Ich hatte tatsächlich gar keine Ahnung was genau ich da machte, ich war einfach so verzweifelt und am Ende meiner Kräfte, dass ich mir gar nicht die Frage stellte, ob ich es ausprobieren möchte oder nicht. Ich wollte nicht mehr warten, ich wollte endlich handeln. Wir knieten uns vor einen kleinen Schrein in dem eine Schriftrolle hing, legten die Hände aneinander und rezitierten in einem Fort das Mantra, dass mir diese liebe Frau auf einen Zettel geschrieben hatte. Wir machten das zehn Minuten lang. In diesen zehn Minuten fühlte ich Freude in mir aufsteigen, ich bekam Hoffnung und Kraft. Nach jahrelanger spiritueller Lektüre, war mir, als hätte ich jetzt endlich den Schlüssel gefunden, nach dem ich immer gesucht hatte. Ich glaubte, diese Methode wäre eine ganz geheime Technik, etwas was niemand kannte, ich aber nun das Glück gehabt hatte, jemanden zu treffen, der mir dieses Geheimnis anvertraute. Diese Frau sagte mir, man könne mit dieser Methode alles erreichen und unmögliches möglich machen. Die Ausübung würde dazu führen, dass sich jetzt alles in meinem Leben richtig sortieren würde und ich somit endlich den für mich bestimmten Weg einschlagen könne. Zudem wurde ich ermutigt, Ziele zu formulieren. Man rezitierte nicht einfach so, sondern man nahm sich ganz konkret vor, wofür man diese Rezitation machen wollte, und konnte somit genau feststellen, ob sich bezüglich der konkreten Wünsche und Ziele auch entsprechend etwas entwickelt hatte. Wenn sich Ziele und Wünsche erfüllten, sprach man davon, dass man Wohltaten erhalten hat und man somit eine Glaubenserfahrung gemacht hatte. Am selben Tag nachdem ich das erste Mal diese Ausübung gemacht hatte, ging ich am Abend noch mit anderen Schülerinnen aus der Berufsfachschule in eine Schwimmhalle zum Schwimmen. Ich fühlte mich fit und kräftig wie schon lange nicht mehr. Ich zog meine Bahnen mit dem zweifellosen Gefühl, dass ab jetzt mein Leben großartig, und ich erfolgreich und glücklich werden würde. Hoffnungsvoll und mit freudiger Erwartung auf meine schöne Zukunft ging ich am Abend ins Bett.

Als ich am nächsten Morgen wach wurde, dachte ich, ich müsste sterben. Mir ging es so schlecht. Hatte ich am Abend zuvor noch gar keine Krankheitsanzeichen gehabt, erwachte ich nun mit einer richtig heftigen Grippe mit allen Schmerzen und hohem Fieber, was so eine Viruskrankheit zu bieten hatte. Ich erinnerte mich vage, dass in den Medien von einer Grippe in England berichtet wurde, die außergewöhnlich gefährlich war und sehr viele Todesopfer forderte. Ich glaubte tatsächlich, ich würde jetzt sterben. Als ich dann doch weiterlebte und sogar den Arztbesuch geschafft hatte- die Ärztin hatte sehr viel Mitgefühl und bedauerte mich sehr, als sie mich sah- bekam ich eines Abends einen Anruf von der Frau, bei der ich die buddhistische Ausübung ausprobiert hatte. Ich schleppte mich zum Telefon und sie fragte mich, wie es mir ergangen war. Ich erzählte ihr von meinem Zustand und zu meiner Überraschung war sie hellauf begeistert und rief: "Was für eine krasse Wirkung!" Ich erwiderte, "wenn das die Wirkung ist, dann mache ich das nie wieder!" Sie aber sagte, den Satz, den ich in Zukunft noch oft hören und selber verwenden würde: "Wenn Krankheit auftaucht, ist Karma dabei sich aufzulösen." Es sei wie im Rühren in einem Wasserglas, wo das Wasser eigentlich ganz klar erscheint, sich der Dreck aber unten im Glas abgesetzt hatte. Wenn jetzt gerührt würde, dann wirbelte der Dreck hoch und das ganze Wasser war verunreinigt und nicht mehr klar. Aber wenn man immer weiter rührte, dann könnte man irgendwann den Dreck oben an der Wasseroberfläche abschöpfen und das Wasser würde klarer und klarer werden. Auch wenn mein erstes natürliche Gefühl mir gesagt hatte, diese Ausübung, die ich ausprobiert hatte, sei gar nicht gut für mich, da die Wirkung eine so heftige Krankheit hervorgebracht hatte, ließ ich mich an diesem Abend doch nochmal dazu überzeugen, mit dieser Methode weiterzumachen. Sobald ich wieder richtig aufstehen konnte, kniete ich mich auf den Boden, nahm den Notizzettel, auf dem das Mantra geschrieben stand und rezitierte wieder. Und ja, erstaunliche Dinge passierten, die es mir wieder einfacher machten in die Berufsschulklasse zurück zu gehen und weiter zu arbeiten. Aus unerklärlichen Gründen hatte der Lehrer meiner Ausbildungsklasse während meiner Abwesenheit entschieden, dass mein Exfreund zukünftig erstmal in seinem privaten Arbeitszimmer weiterarbeiten durfte und ich ihn somit gar nicht mehr zu Gesicht bekam. Das entspannte mich sehr, und ich konnte mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren. Und es passierte immer mehr Erstaunliches. Es war wie ein Rausch. Angeteasert von ungeahnten Wohltaten wollte ich immer mehr davon. Ich erhöhte die Zeit meiner Rezitationen, ich lernte zudem noch die Rezitation von zwei Kapiteln aus dem Lotos Sutra, die ich zusätzlich jeden Tag morgens und abends kniend vor der weißen Wand vor mich hinsprach. Ich war restlos überzeugt von dieser Ausübung und lernte immer mehr über die Lehre kennen. Ich begriff langsam, dass es eine Art Buddhismus sein sollte und ich lernte auch immer mehr Menschen kennen, die das auch praktizierten. Letztendlich wurde mir immer mehr offenbar, dass es da eine Organisation gab, die von Japan aus weltweit Mitglieder unterhielt, die in organisierten Gruppen/Bezirken/Bereichen/Hauptstellen diesen Glauben praktizierten. Auch wenn ich die anfängliche Idee, einem Geheimnis auf der Spur gekommen zu sein, aufgeben musste, und langsam realisierte, dass ich es hier mit einer riesigen weltweit organisierten Bewegung aus Japan zu tun hatte, war ich schon zu wild und zu hungrig auf weitere Wohltaten und der Idee, dass ich mir ein Leben aufbauen können würde, wie ich es mir immer erträumt hatte. Nämlich ein Leben, dass ich mir mittels meiner Begabungen selbst finanzieren würde und zwar in einer absehbaren Zukunft mit einem angemessenen Gehalt. Es erschien mir ganz plausibel, dass mein Leben ein sichtbarer Beweis von der Richtigkeit dieser Lehre werden sollte. Dass Menschen an mir erkennen sollten, dass ich den richtigen Glauben praktizierte, und sie selbst dadurch inspiriert werden würden, mit dieser Praxis anzufangen. Und ich war vollkommen überzeugt davon, dass es so kommen würde. Dass ich erfolgreich meine künstlerischen Begabungen beruflich nutzen werden würde. Dass ich hier in der Welt etwas Großes und Gutes erreichen würde, denn ich war ja eine von den Guten. Ich praktizierte die einzig wahre Lehre, die zum Weltfrieden führte. Die Lehre, die dazu führte, dass Menschen sich revolutionieren konnten und somit wertvoll für die Gesellschaft werden würden. Wir waren die Guten der Guten. Wir waren die Besten! Wir hatten die aller höchste Lehre, alle anderen Lehren waren unvollständig und vorläufig. Mit einer hundertprozentigen Sicherheit war ich davon überzeugt, dass ich in meinem Leben deutlich und für alle sichtbar siegen würde. Also ließ ich mich nach einer Weile vollständig auf diese Lehre ein. Ich empfing die Schriftrolle, die ein Spiegel unseres Inneren sein sollte und die wir anbeteten, und wurde somit Mitglied in der SGI (Soka Gakkai International) Deutschland und begann aktiv in der Organisation mitzuwirken. Nach und nach wurde ich mit immer mehr Verantwortungen betraut und langsam drehte sich mein gesamtes Leben nur noch um diesen Glauben und diese Organisation. Mit jeder Aufgabe und jeder Leiterschaft, die mir übertragen wurde, wurde mir jedes Mal versichert, dass dies der Schlüssel und der schnellste Weg sei, in meinem Leben den Durchbruch zu erlangen in den Bereichen, in denen ich es mir so sehnlichst wünschte. Also begann ich, wie ein Esel hinter einer  Karotte herzurennen. 

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