Mein Zeugnis (Kindheit)
Aufgewachsen bin ich in Hamburg als jüngste Tochter atheistischer Eltern. Aber wenn ich so zurückdenke, dann fällt mir auf, dass die Kirche bereits in meiner Kindheit eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat. Zunächst besuchte ich als Klein- und Vorschulkind eine sogenannte Spielstunde, die von einer örtlichen evangelischen Kirchengemeinde angeboten wurde. Zwar kann ich mich jetzt nicht erinnern, ob dort bereits christlicher Inhalt an uns herangetragen wurde, aber ich weiß noch genau, dass ich die Maria im weihnachtlichen Krippenspiel darstellen durfte. Allerdings mit wenig Ernsthaftigkeit. Der Joseph-Darsteller und ich kicherten uns nur so durch die Vorstellung. Aber offensichtlich war mir die Geschichte von Jesus Geburt schon im Kindergartenalter bestens bekannt.
Später, bereits als Schulkind, besuchte ich mit meiner älteren Schwester eine
andere Kirchengemeinde am Nachmittag, um dort Blockflöte spielen zu lernen. Wie
es dazu kam, weiß ich eigentlich gar nicht. Vielleicht war es ein Tipp aus der
Nachbarschaft oder von anderen Eltern. Oder weil der Pastor der Gemeinde ein
Kunde meines Vaters war. Auf jeden Fall gingen meine Schwester und ich jeden
Dienstagnachmittag in das Gemeindezentrum der Apostelkirche und lernten dort
Blockflöte spielen. Wir waren eine Gruppe an Kindern und wir lernten natürlich
auch kirchliche Lieder zu spielen. An besonderen Kirchentagen hatten wir dann
als Flötengruppe Aufführungen im Gottesdienst. Besonders an die Mitwirkung von
Weihnachtsgottesdiensten kann ich mich gut erinnern, aber es waren auch andere
Gelegenheiten. Einmal sollten wir sogar einen Vers im Gottesdienst am Mikrofon
vorlesen. Ich teilte mir den Vers mit meiner Schwester. Ich weiß noch, dass ich
riesiges Lampenfieber hatte. Mir ging es ganz schlecht. Aber natürlich zog ich
es durch und sprach den Vers ins Mikro.
Auch wenn wir keine Kinderkirche besuchten, also nichts wirklich über den
Glauben lernten, muss es allein durch unsere musikalische Mitwirkung an den
Gottesdiensten dazu geführt haben, dass ich ein ganz natürliches Verständnis
für den liebenden Gott im Himmel bekam. Denn wenn ich mich in einer akuten
Notsituation befand und ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, erwog ich es, zu beten.
Es gibt eine Begebenheit in meiner Kindheit, an die ich mich noch richtig gut
erinnern kann. Ich war alleine zu Hause und es hatte angefangen zu gewittern.
Seit jeher hatte ich Angst vor Gewitter. Sogar später noch als erwachsene Frau.
Als dieses Gewitter anfing und ich schreckliche Angst bekam, besonders, weil
ich ganz allein zu Hause war, betete ich zu Gott, er möge meine Eltern bitte
sofort nach Hause schicken. Es war wirklich ein Gebet aus tiefstem Herzen. Ich
hatte solche Angst. Kaum hatte ich dieses Gebet laut ausgesprochen, hörte ich
das Auto meiner Eltern in unsere Einfahrt einbiegen. Es war eine prompte
Gebetserhörung. Ich weiß noch, dass ich ziemlich verblüfft war, wie direkt Gott
geantwortet hatte. Und ich war froh und dankbar, aber es führte leider nicht
dazu, dass ich regelmäßig betete.
Ich kann mich nicht an viel erinnern. Ganz sicher weiß ich aber, dass Jesus selbst nicht viel Raum im Unterricht einnahm, es ging mehr um allgemeine Themen. Und schon mal gar nicht, wurde uns der Vorschlag gemacht, Jesus in unser Leben einzuladen und ihm nachzufolgen. Es wurde nicht einmal gebetet. Nur das "Vater unser" lernten wir auswendig und das Glaubensbekenntnis. Im Prinzip durchlief ich den Konfirmandenunterricht, ohne überhaupt gelernt zu haben, welche Bedeutung Jesus Tod am Kreuz für uns hat. Immerhin bekamen wir alle eine Bibel für den Konfirmandenunterricht. Ob wir da wirklich mal reingeschaut haben, wage ich zu bezweifeln. Am Wertvollsten war für mich die Konfirmandenfreizeit in Schweden. Tatsächlich war eine Reise mit dem Pastor und jugendlichen Unterstützern so anders und viel aufregender als eine Klassenfahrt mit der Schule. Aber den Glauben fand ich da auch nicht. Und gebetet wurde auch nicht. Und worum es denn nun wirklich geht im Glauben an Jesus und an Gott und an den Heiligen Geist habe ich auch in Schweden nicht erfahren.
Und trotzdem gab es Momente, die mich auf irgendeine besondere Weise tief berührten. So habe ich zum Beispiel niemals mehr die Lieder "Herr, Deine Liebe ist wie Gras und Ufer" und "Ins Wasser fällt ein Stein" vergessen können. Diese Lieder rührten tief in mir etwas an, was ich nicht zu beschreiben wusste. Ich liebte es, wenn wir diese Lieder sangen. Es war auf dieser Schwedenfreizeit, wo ich diese beiden wunderschönen Lieder kennenlernen durfte.
Als Konfirmandin musste man eine gewisse Anzahl an Gottesdiensten besuchen. Also ging ich ab und an am Sonntag in die Kirche. Auch wenn ich jedes Mal mir vornahm, die Predigt aufmerksam zu verfolgen, damit ich etwas mehr über diesen Glauben verstehe, gelang es mir nie. Meine Gedanken schweiften jedes Mal ab. Ich wurde einfach nicht erreicht mit dem, was da gepredigt wurde. Warum ich aber trotzdem immer gerne zur Kirche ging, war, weil man da singen durfte. Ich freute mich immer auf die Momente, wenn es hieß: Gesangbuch Nummer soundso aufschlagen. Diese christliche Musik löste etwas in mir aus. Sie mitzusingen, erfüllte mich. Ich erinnere mich auch noch, dass ich einmal regelrecht einen Ohrwurm bekam und den ganzen Rückweg nach Hause laut vor mich hinsang: "Kommt sagt es allen weiter, ruft es in jedes Haus hinein. Kommt sagt es allen weiter, Gott selber lädt uns ein."
Meinen Konfirmandenspruch suchte ich tatsächlich mit meiner Mutter aus, obwohl sie von sich sagte, dass sie nicht gläubig ist. Auf einem Dorf großgeworden wurde aber auch sie als Jugendliche konfirmiert, das machte man damals eben so. Sie fand in Ihrem Poesiealbum den Eintrag ihres damaligen Pastors und dieser Bibelvers, den er meiner Mutter ins Album geschrieben hatte, war so hübsch, den wählte ich für meine Konfirmation als meinen Spruch aus: "Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der Herr, der sich über dich erbarmt!" (Jesaja 54,10) Ich erinnere mich auch noch an ein Gespräch mit meiner Mutter bei dieser Gelegenheit. Sie sagte, sie könne mit dem Alten Testament nicht viel anfangen, aber die Jesus-Geschichte, die hätte ihr immer gefallen.
Nach meiner Konfirmation ging ich sonntags nicht mehr zum Gottesdienst. Trotzdem war ich ab und an in der Kirche. Mein Pastor war in Pension gegangen und ein neuer Pastor übernahm die Gemeinde. Er brachte neuen Wind in die Kirche. Unter anderem startete er den aus Norwegen kommenden neuen Trend namens "Ten-sing". Es war die Abkürzung für "Teenager singen" und es beschrieb einen neuen christlichen Pop-Chor, der richtig für Furore sorgte. Die Ten-sing-Konzerte waren legendär. Die Kirche war bis auf den letzten Platz belegt und die Show inklusive Live-Band heizte damals uns allen so richtig ein, am Ende standen wir auf den Bänken. So eine tolle Stimmung gab es zuvor nicht in dieser Kirche. Aber es blieb nicht das einzige neue Event. Es wurden auch Pop-Musicals einstudiert auf gut hohem Niveau, ebenso mit Liveband und ähnlichem Erfolg. Damals sind richtige Stars bei uns in der Kirche geboren. Ich erinnere mich an das Musical Godspell, und an ein paar unvergessliche Songs aus der Ten-sing-Zeit. Leider trat ich der Ten-sing-Gruppe erst sehr spät bei, da war die beste Zeit dieses Pop-Chores schon wieder vorbei. Und ich besuchte auch eine Art offenen Nachmittagstreff für Jugendliche in den Gemeinderäumen unserer Kirche. Aber je mehr die Schule mich in Anspruch nahm, umso weniger Zeit konnte ich für diese Treffen aufbringen.
Auch als Jugendliche wandte ich mich mehrfach an Gott, wenn ich etwas wirklich Dringliches auf dem Herzen hatte. So bat ich Gott um Frieden wegen des drohenden Golfkrieges und ich bat Gott inständig, dass er mir einen Platz im Kurs Darstellendes Spiel ermöglichen würde. Ich wollte unbedingt Theater spielen und zu groß war die Angst, dass ich wegen Überbelegung des Kurses keinen Platz bekommen würde. Und Gott erhörte meine Gebete nochmals. Der Krieg brach nicht aus, und ich bekam meinen gewünschten Kurs. Und ich bedankte mich bei Gott.
Zu Weihnachten ging ich immer in die Kirche. Für mich hatte damals der Kirchgang am Heiligen Abend die eigentliche Bedeutung von Weihnachten. Die kleine Feier meiner Familie bei uns im Wohnzimmer war tatsächlich weniger bedeutend und weniger weihnachtlich für mich. In der Kirche wurde die Weihnachtsgeschichte gelesen oder sogar vorgespielt und wir sangen Weihnachtslieder. Jedes Mal freute ich mich schon auf das obligatorische "Oh, Du fröhliche" am Ende des Gottesdienstes. Zurück zu Hause am Wohnzimmertisch erinnere ich mich noch genau an eine Begebenheit am Heiligen Abend. Es wurden gefüllte Sektgläser verteilt und als wir diese zum Anstoßen in die Höhe hielten, sagte ich noch unter dem Eindruck des feierlichen Gottesdienstes, "Auf Jesus!" Es wurde mal wieder über mich gelacht, als hätte ich etwas völlig absurdes, albernes und Dummes gesagt. Ich war etwas perplex, denn dieses Fest, das wir nun also begehen würden, hatte doch einzig und allein Jesus Geburt zum Anlass. Aber das wollte in meiner Familie anscheinend keiner so genau nehmen.
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