Mein Zeugnis (Start in ein neues Leben)

 

<- was bisher geschah <-


Auf dem Weg zurück Richtung Bushaltestelle, kam ich an der „Thai-Wiese“ vorbei, ein Ort, an dem hauptsächlich Thailänder Ihre Speisen vor Ort kochten und sie zum Verkauf anboten. Da ursprünglich der Park der Ort war, wo sie Ihre Leckereien anboten und die Besucher sich mit ihrem Essen einfach auf die Wiese setzten, entstand der Name „Thai-Wiese“. Sie mussten aber leider die alte Örtlichkeit verlassen und verkauften nun ihre Waren in einer abgesperrten Straße. Vielleicht sollte man dann zukünftig von der „Thai-Straße“ sprechen. Jedenfalls lief ich genau an dieser Straße vorbei und der unwiderstehliche Duft von den vielen verschiedenen brutzelnden Inhalten der Pfannen und Töpfen erinnerte mich daran, dass ich doch eigentlich schon wieder ziemlich hungrig war. Ich hatte noch dieses feierliche Gefühl in mir und ich fand, jetzt sei ein Moment, an dem ich mir etwas gönnen sollte. Ich schlenderte die Stände entlang und entschied mich für ein gelbes Curry mit Reis. Ich nahm den Teller mit dem Gericht und setzte mich auf eine Bierbank an einen Klapptisch. Ich hatte den Tisch für mich ganz alleine, also setzte ich mich direkt in die Mitte. Ich sah mich um. Irgendwie kam mir die Welt verändert vor. Als würde ich sie mit neuen Augen sehen. Ich empfand einen unbestimmten Frieden in mir und damit verbunden ein tiefes Wohlgefühl. Die Umgebung wirkte nicht mehr bedrohlich auf mich. Ich empfand eine innere Ruhe und eine Zufriedenheit mit mir, hier sitzend, mein leckeres Mittagessen verspeisend. Obwohl ja äußerlich gesehen nichts Bahnbrechendes passiert war, empfand ich diesen Moment als den Start in ein neues Leben.
Plötzlich kam eine ganze Familie an meinen Tisch. Es waren nicht nur Eltern mit Kindern, sondern auch deren Onkel und Tante und Cousins und Cousinen dabei. Sie waren so viele, dass sie den ganzen Tisch einnahmen. Sie saßen alle um mich herum, denn ich saß ja in der Mitte. Und plötzlich war ich Teil dieser Familie. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, aber ich wurde so selbstverständlich in ihre Gemeinschaft mit aufgenommen, so dass ich sogar Anteil an ihren Gesprächen hatte, und das sogar mit so einer Selbstverständlichkeit, dass ich doch etwas überrascht war. Aber es fühlte sich vollkommen natürlich und normal an und ich bekam den Gedanken, dass mir hier gerade ein Ausblick auf mein neues Leben gezeigt würde. Ich war durch mein Gebet, in dem ich mein Leben Jesus übergeben hatte, in eine neue Gemeinschaft hineingeboren worden. Eine neue Familie sozusagen, die mir noch gänzlich unbekannt war, aber in die ich ganz problemlos einfach integriert werden würde. Und die fröhlich und lebendig war. Wo jedes Mitglied respektiert wurde. Ich fühlte mich wohl an diesem Tisch. Wir aßen und tranken, es entstanden lebhafte Gespräche, und es wurde gelacht. Es war eine ausgelassene, fröhliche und wertschätzende Stimmung.
Nach dem Essen trennten wir uns wieder und sie verfolgten ihre Pläne für den Tag und ich die meinigen. Ich fuhr mit dem Bus wieder nach Hause. Mich begleitete dieses neue „heilige“ Gefühl. Ich wusste an diesem Abend noch nicht, wie ich meinem Mann von meinem Erlebnis erzählen sollte. Ich wusste auch nicht, ob ich es überhaupt erzählen wollte. Ich war ja selber noch überhaupt nicht im Bilde, wo hinein ich mich mit dem gesprochenen Gebet begeben hatte. Ich wollte mich und dieser neuen heiligen Sache jetzt erstmal keiner Kritik aussetzen. Ich hütete dieses Erlebnis in mir, wie einen kleinen verborgenen Schatz. Und wartete auf den Moment, in dem ich endlich Zeit und Ruhe hatte, mich der Recherche hinzugeben. Diesen Abend fing ich an das Neue Testament zu lesen und ich wagte ein erstes schüchternes Gebet in Richtung Himmel. Und ich kam mir gar nicht so komisch vor, wie ich gedacht hatte.
Am nächsten Tag musste ich nicht arbeiten und so setzte ich mich in unserem Zimmer auf den Boden, las zuerst im Neuen Testament und betete ein Gebet in den Himmel. Ich betete am Anfang hauptsächlich darum, dass Gott oder Jesus sich mir offenbaren würde. Dass wenn es sie gab, sie sich auf irgendeine überzeugende Weise als lebendig und anwesend mitteilen sollten. Auch wenn ich auf der Messe so unvermittelt von Jesus in meinem Herzen berührt worden war, empfand ich mich in meinem eigenen zu Hause doch ziemlich weit entfernt von ihm. Ich wollte aber wieder in seine Gegenwart. Das war mein dringlichster Wunsch:
„Jesus, komm in mein Leben. Jetzt!“
Anschließend schnappte ich mir meinen Laptop und setzte mich in die Küche, um meine Recherche zu starten. Ich war in kürzester Zeit schon ziemlich weit drin im Thema, hatte mich bereits bei einem „Erste-Schritte-mit-Jesus-Kurs“ eines christlichen Fernsehsenders angemeldet, und fing darüber mit einem erfahrenen Christen an zu chatten. Zusätzlich schaute ich mir unzählige Berichte von jungen Leuten auf Youtube an und hörte auf diesem Weg von einer Moderatorin, die von einer Serie, namens „The Chosen“ sprach. Ich fand die Plattform auf der diese Serie abgerufen werden konnte und startete auch gleich mit der ersten Folge. Ich sog alles auf, was ich finden konnte. Ich kam mir vor, wie ein ausgehungertes Wesen, das nach und nach ein Buffett mit unbekannten Speisen entdeckte und langsam anfing von den verschiedenen Köstlichkeiten zu probieren. Alles war neu und spannend. Vor mir entfaltete sich eine gänzlich neue Welt mit erstaunlichen Geschichten und einem neuen Vokabular, das mir zuvor nicht bekannt war. Das Wort „Zeugnis“ war für mich bisher die Bezeichnung für ein Dokument, das man als Schüler am Ende des Schuljahres überreicht bekam. Aber hier auf den Youtube Kanälen wimmelte es von Videos, die mit „mein Zeugnis“ betitelt waren, und die jedes Mal die individuelle Begegnung und Bekehrung der Personen im Video zum Inhalt hatten. Langsam sickerte mir wieder meine einstige Eingebung, die mir so eindrücklich vor unserem letzten Urlaub gekommen war: Die Aufforderung einen Blog zu starten, der den Titel tragen sollte: Zeugnis ablegen. Mir wurde heiß. Wie war das möglich? Wie konnte ich, bevor mir die Bedeutung dieses Begriffes überhaupt bekannt war, diesen Gedanken haben? Wo kam der her? Von Gott? Es war ein bedeutender Moment, als ich realisierte, dass all die kleinen Begebenheiten, die mir in den letzten Monaten widerfahren waren, lauter kleine Wegweiser waren, die mich zu dem entscheidenden Moment auf der Messe geführt hatten. Dass Gott mir schon im Voraus mitgeteilt hatte, ich würde eines Tages mein Zeugnis für ihn ablegen.

 

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