Mein Zeugnis (Neugeboren)
Das Gebet war nicht besonders lang. Von außen gesehen hatte dieser Moment für Vorbeigehende vermutlich nichts Spektakuläres. Aber kaum war das Gebet beendet war ich wie ausgewechselt, ich fühlte einen neu erwachten Tatendrang in mir. Irgendwas Tolles war gerade geschehen. Alle zum Stand zugehörigen Personen gratulierten mir. Sie freuten sich sehr. Ich bekam ein kleines Büchlein, das Neue Testament, geschenkt. Und noch andere Publikationen, die mit dem Thema des Standes zu tun hatten. Ich selbst freute mich auch. Es war irgendwie ein feierlicher Moment. Ich fragte sofort: „Und jetzt? Wie geht es jetzt weiter? Trefft Ihr Euch regelmäßig?“ Ich war etwas beigetreten, von dem ich noch keine Ahnung hatte, worum es sich genau handelte. Aber ich war entschlossen mitzumachen und diesen Weg, der sich jetzt anschließen würde, auch zu gehen. Es stellte sich heraus, dass alle Anwesenden nicht aus Berlin waren. Aber es gäbe zufällig hier auf der Messe ja noch einen anderen Stand mit dem man mich zusammenbringen könnte. Plötzlich liefen wir hinüber in den kleineren Verkaufsraum und gingen auf einen Stand zu, der mich bisher so gar nicht interessiert hatte. Sie liefen zum Stand „Wasser des Lebens“. Ich war etwas verwirrt. Wieso gingen wir dahin? Arbeitet an dem Stand jemand, der zufällig auch privat mit den „Heilen wie Jesus“-Leuten zu tun hatte? Jemand der auch Teil dieser Gruppe war? Ich wartete ab. Sie sprachen miteinander. Und dann wurde ich erstmal richtig liebevoll begrüßt von einem Mann, der zu diesem Wasser-Stand gehörte. Er freute sich ebenfalls sehr für mich. Es war ein hochgewachsener und zudem sehr sympathischer Mann, der sich jetzt sehr viel Zeit für mich nehmen würde. Nachdem ich nun erfolgreich an diesen neuen Ansprechpartner vermittelt worden war, verabschiedete sich die kleine „Heilen wie Jesus“-Gruppe von mir und trat den Rückweg zu Ihrem Stand an. Und jetzt schenkte mir mein neuer Gesprächspartner seine volle Aufmerksamkeit. Und ganz langsam und Stück für Stück begann ich überhaupt erstmal zu begreifen, was eben eigentlich passiert war, was ich erlebt hatte, und worum es eigentlich ging. Er nahm sich sehr viel Zeit für mich. Langsam begriff ich, dass es an diesem Stand nicht wirklich um das Wasser aus dem Wasserhahn ging, sondern dass hier an diesem Stand es um das „lebendige Wasser“ ginge, das Wasser, das uns Jesus anbietet, und das uns nie mehr durstig werden lässt, wie Jesus es selbst in der Bibel formuliert. Es war eigentlich ein Stand, der mit den Besuchern dieser Esoterik-Messe über Jesus ins Gespräch kommen wollte. Und es war ausgerechnet so ziemlich der einzige Stand, der mich am vorigen Tag überhaupt nicht interessiert hatte. Ich glaubte, es ginge um Verbesserung der Trinkwasserqualität, um Wasser, das gefiltert und vielleicht gleich noch energetisiert wurde. Solche Themen sind auf Esoterik-Messen keine Seltenheit. Da aber eine Wasserqualitätsanhebung für meine Problematik vollkommen uninteressant war, hatte ich diesen Stand als einzigen, nicht weiter beachtet. Aber gesehen hatte ich ihn natürlich. Er war nämlich nicht zu übersehen. Er war recht groß, und es waren in so einer Art runder Pyramiden sehr eindrucksvoll unzählbare kleine 0,5 Liter Flaschen mit dem Aufdruck „Wasser des Lebens“ übereinander aufgebaut, man konnte nicht vorbeigehen, ohne sich zumindest diese Bauten anzuschauen. Was mich allerdings am Tag zuvor ziemlich irritiert hatte, war die Musik, die von diesem Stand ausging. Es war so eine besondere und irgendwie berührende Musik, rein Instrumental, ich konnte nicht sagen, welches Genre das sein sollte. Es war so schön! Irgendwie unpassend für einen Stand, bei dem es ja augenscheinlich um Wasserqualität gehen sollte. Es passte einfach nicht zusammen. Ich erinnerte mich, dass ich am Vortag als ich in diesem Raum an einem anderen Stand gewesen war, mich plötzlich suchend umsah und fragte, „wo kommt denn diese Musik her?“ Man sagte mir, das sei die Musik von dem „Wasserstand“. Ich drehte mich um und sah mir nochmal den Stand von Weitem an. Sie hatten zu ihrem beeindruckenden Klangerlebnis auch eine passende Effektbeleuchtung, die den Stand und die Umgebung in unterschiedliche Farben tauchte. Ich war so irritiert davon, dass es da einen so bezaubernden und für mich sehr anziehenden Klang gab, aber gleichzeitig das Thema des Standes zu dieser Inszenierung nicht zu passen schien. Allein dieser irgendwie himmlischen Musik wegen, wäre ich so gerne einfach mal zu dem Stand hingeschlendert und hätte mich da gerne eine Weile aufgehalten, aber ich war einfach so gar nicht interessiert an einem Wasserfilter.
Und nun, einen Tag später, kam es mir vor, wie eine Verwandlung. Der Ort, der
gestern noch der Einzige schien, der nicht für mich in Frage käme, war am
heutigen Tag der Einzige, der die Lösung hatte. Ich fragte also hier noch
einmal meine Frage, wie es denn jetzt konkret mit mir weitergehe. „Was genau
soll ich jetzt machen?“ Und hier in diesem Gespräch bekam ich auch endlich die
konkrete Antwort darauf:
„Lies die Bibel, morgens und abends und bete morgens und abends. Suche dir eine
Gemeinde, wo du sonntags hingehen kannst und Gemeinschaft findest. Eine
Gemeinde, die dir gefällt und wo du dich wohl fühlst. Und fang beim Lesen
erstmal mit dem Neuen Testament an. Das Alte Testament kannst du dann auch noch
anschließend lesen.“
Okay, lesen morgens und abends verstand ich sofort. Da meine vorige
buddhistische Ausübung auch jeden Morgen und jeden Abend ausgeübt wurde, war ich
vertraut mit dieser Tagesstruktur. Aber was genau meinte er mit Beten?
„Du kannst einfach mit Gott sprechen. Sag ihm, was Du auf dem Herzen hast. Ich
bete abends mit meiner Frau immer zusammen. Aber sie hat neulich zu mir gesagt,
ich würde ja jeden Abend bloß immer wieder dasselbe beten.“ Das war jetzt wirklich vollkommenes Neuland für
mich. Gab es keine konkrete Gebet-Anleitung? Etwas was alle Gläubigen gleich
taten? Wenn jeder individuell beten konnte, woher weiß man dann, dass man es
richtig machte? Die buddhistische Ausübung in der Soka Gakkai war ein
geregelter, überall auf der Welt gleicher Ablauf. Es gab eine ganz genaue
Anleitung was man wann rezitierte, wann man die Klangschale anschlug und wie
oft und welche Gebete man hinterher still für sich las. Es war immer gleich.
Nur das Gebet, in dem man seine persönlichen Wünsche ausdrückte, war naturgemäß
unterschiedlich. Naja, und das Gebet für die Toten eigentlich auch. Jeder hat ja
andere verstorbene Angehörige. Mit meiner Erfahrung als Soka Gakkai Buddhistin
konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Gebet an Gott funktionieren
sollte. Vor allem, wenn es keine konkrete Anleitung gäbe. Mein Gesprächspartner
schien sich darüber gar keine Sorgen zu machen. „Das kommt. Da kannst Du gar
nichts falsch machen“, sprach er und lächelte mich an.
Blieb noch die Frage nach der Gemeinde. Noch so ein Punkt, der mich außerordentlich
irritierte. Ich soll mir selber eine Gemeinde aussuchen? Ja, gibt es denn da
nicht eine, die für mich zuständig ist? Gehören wir denn nicht alle der
gleichen Gemeinde an? Wieso gehe ich nicht dahin, wo du hin gehst? Aber die
verwirrende Antwort war doch tatsächlich, dass jeder sich die Gemeinde raussucht, die am besten zu ihm passen würde. Eine Gemeinde, die für mich gut erreichbar wäre und die meinen
Bedürfnissen entsprechen würde. Manche mögen gerne eine gute Musik und Lichtshow,
andere mögen es lieber ruhiger. Möchte man in eine große Gemeinde gehen, die
hunderte an Mitgliedern hat oder lieber in eine kleine übersichtliche Gemeinde?
Soviel Auswahl verwirrte mich. Wie kann ich das denn selber entscheiden? In der
Soka Gakkai gab es auch in dieser Frage keinerlei Auswahl. Der Ort, an dem man
wohnte, entschied ganz genau in welche buddhistische Gruppe man gehörte. Die wiederum
war Teil eines Bezirks, der war Teil eines Bereiches, der wiederum Teil einer
Hauptstelle war, die Teil einer Region, und diese Teil eines Landes war. Damit
war vollkommen durchorganisiert, wo man hingehörte. Wenn Du eine Wohnadresse
hast, dann ist damit alles weitere bereits geklärt. Aber jetzt sollte ich mir
selber meine Gemeinschaft suchen. Wie sollte ich die denn finden? Wo sucht man
denn sowas? Der liebe Mann vom Wasser des Lebens zückte sein Handy und fragte,
in welchem Bezirk ich denn wohne. Dann nannte er mir zwei Gemeinden. Wobei er
mir die eine sehr empfahl und mir den Namen der Gemeinde auf einen Zettel schrieb
mit den Worten: „Liebe Grüße an Stefan.“ Er kannte offensichtlich den Pastor.
Der Name der Gemeinde bestand nur aus drei Buchstaben und den Namen unserer
Stadt. Verdammt ähnlich der Organisation, der ich gerade erst entronnen war.
Die wurde auch mit drei Buchstaben und dann dem Landesnamen abgekürzt. Ich war
weiterhin überfordert und beschloss jetzt erstmal alles sacken zu lassen. Ich
spürte, wie ich mich jetzt doch langsam getriggert fühlte. Ich wollte auf
keinen Fall wieder in irgendein System reinrutschen. Aber meine Reise mit
Jesus wollte ich trotzdem beginnen. Als sich herausstellte, dass mein netter
Gesprächspartner ebenfalls nicht in Berlin ansässig war, stellte er mir schließlich
noch eine junge Frau vor, die auch hier an diesem Stand Gespräche mit
Messebesuchern führte. Sie war aus Berlin. Wir sprachen eine Weile miteinander
und sie fragte mich, ob ich nach meinem Übergabegebet auch schon im heiligen
Geist getauft wurde. Okay, was war jetzt das schon wieder? Da ich nicht einmal
die Frage verstand, konnte ich auch keine Antwort darauf geben. Sie verzichtete
auf weitere Erklärungen und fing einfach an, für mich zu beten, und legte mir
dabei eine Hand auf meine Schulter. Es war angenehm und schön, wie diese fremde
Frau für mich betete. Mir kamen erneut die Tränen. Irgendwas in mir war schon
wieder ziemlich ergriffen. Ich wunderte mich über mich selbst, wie leicht ich
heute von Emotionen überwältigt wurde. Wieso musste ich denn ständig heulen?
Die junge Frau überreichte mir noch eine Einladung zu einem Event, das am darauffolgenden Wochenende in Berlin stattfinden sollte. Es nannte sich „City of light“ und war
eine, über mehrere Tage stattfindende, Großevangelisation an unterschiedlichen
Standorten in der Stadt. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Auch das
Wort Evangelisation klang in meinen Ohren wie eine Wortneuschöpfung, ich hatte
es noch nie zuvor gehört. Ich sagte, ich würde gerne am Sonntag kommen, wo
diese Veranstaltung am Brandenburger Tor stattfinden würde. Ich steckte den
Flyer, den ich von ihr bekam, in meine Jackentasche.
Auch wenn ich noch längst nicht begreifen konnte, welchen Weg mein Leben jetzt
einschlagen würde, und was jetzt alles folgen würde, wusste ich, ich hatte die
Lösung gefunden. Es war wie das Ende meiner Suche. Ich sagte, „das war`s. Jetzt
kann ich auch die Messe verlassen. Alles andere interessiert mich nicht mehr!“ Meine
beiden neuen Bekannten freuten sich sehr über diese Aussage.
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