Mein Zeugnis (Ausstieg aus der Soka Gakkai)
Nach dem Jahreswechsel ins Jahr 2020 hatte ich einen neuen Arbeitsvertrag und eine neue Wirkungsstätte mit einem neuen Vorgesetzten. Obwohl die Buddhisten der Meinung waren, dies sei jetzt eine Glaubenserfahrung, entsprach das nicht meinem Empfinden. Ich fühlte mich wie eine Überlebende, die nach einer tief toxischen und traumatisierenden Erfahrung, unter den Folgen eines Schocks stand. Dass mich das Unternehmen behalten wollte, weil meine Arbeit gut war und sie mir einen Vertrag anboten mit geringem Gehalt, basierend auf dem Mindestlohn, war für mich einfach normal. Normal! Das wäre jedem guten Mitarbeiter so gegangen! Jedem! Auch ohne Schriftrolle und ohne buddhistische Glaubensausübung. Wenn dieses Ereignis unter "Unmögliches möglich machen" fiel, dann musste ich mich ja ernsthaft fragen, wie wenig mir die Mitglieder der Soka Gakkai überhaupt zutrauten. Im Prinzip war dieser Job kein nennenswerter Erfolg in meinem Leben. Es war einfach ein kleiner schlecht bezahlter Job im Erdgeschoss einer Karstadt Filiale, die schon recht alt und baufällig war und ohnehin bald geschlossen würde. Ich hatte das Jahr zuvor nochmal alles gegeben an Zeit, an Kraft, an Schweiß und Tränen, bis ich emotional und körperlich an mein Ende gelangte und das Ergebnis davon fühlte sich keineswegs wie ein Sieg an. Eher wie eine große Ernüchterung. Wie ein Zurückerlangen eines klaren Blickes nachdem ich jahrelang wie blind in einem Rausch diese Praxis exzessiv praktizierte: Hier ist doch etwas nicht in Ordnung. Diese Ausübung führte mich nicht in ein erfülltes glückliches Leben. Die Frage tauchte auf, ob nicht sogar das Gegenteil der Fall wäre…
Im Jahr 2020 passierte etwas in unserer Welt, was alles Vorige für immer in Frage stellte. Unvorstellbares wurde Wirklichkeit. Die Regierung erließ einen unausdenkbaren Maßnahmenkatalog und ordnete unter anderem einen sogenannten "Lockdown" an. Im vorauseilenden Gehorsam war die Soka Gakkai Deutschland eine der ersten öffentlichen Einrichtungen, die komplett alle Türen schlossen, und alle Versammlungen und Treffen pflichtbewusst absagten. Plötzlich war mein Terminkalender leer und mir fiel eine riesige Last von meinen Schultern. Bereits im März des Jahres 2020 sagte ich den Satz, der sich dann tatsächlich auch bewahrheiten sollte: "Ich glaube, wenn die wieder aufmachen, gehe ich nicht mehr zurück." Plötzlich fühlte ich mich frei, das Hamsterrad war gestoppt und ich war herausgefallen. Ich konnte jetzt endlich tun und glauben, was und wie ich wollte. Und ich genoss erstmal die freie Zeit. Der Umgang der Soka Gakkai mit dem was in der Welt gerade vorherrschte, öffnete mir die Augen. Ein sehr berühmter Satz aus unseren Schriften, der immer und ständig zitiert wurde, lautete, dass das mystische Gesetz wie das Brüllen eines Löwen ist, und daher keine Krankheit ein Hindernis sein kann. Nun machte aber die Führung unserer Organisation aus einer Virus-Infektion ein Hindernis. Und dass man im Buddhismus sein Leben selbst in die Hand nimmt (symbolisiert durch die Gebetskette, die wir beim Rezitieren in den Händen hielten, denn sie stellte unseren Körper dar) und nicht von den äußeren Umständen abhängig ist, wurde damit zunichte gemacht, dass ernsthaft überlegt wurde, nur noch geimpfte Menschen sich treffen zu lassen. Man hörte also auf, die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, sondern man kontrollierte die Umgebung, um sich selbst zu schützen. Außer mir distanzierten sich noch viele andere von der Organisation, die nun offenbarte, wie wenig sie selbst an die von ihr vertretenen Lehren glaubte. Ich dachte mir, kein Wunder, dass diese Ausübung bei mir nicht funktionierte, wenn sogar die Leiterschaft im Ernstfall nicht daran glaubte! Es war ein harter Prozess. Es ist einfach ein ziemlicher heftiger Schlag nach jahrzehntelangem Glauben zu erkennen, dass man einer Irrlehre aufgesessen war. Dass man falsch lag. Dass dieser Buddhismus niemals hält, was er verspricht. So viele Jahre meines Lebens. Denn ich war nun bereits Mitte vierzig. Viele der Mitglieder, die sich distanzierten, praktizierten trotzdem weiter; dann eben ohne die Organisation. Aber ich merkte, dass es für mich vorbei war. Es war eine Lüge. Das Rezitieren des mystischen Gesetzes bringt keinen Nutzen, das konnte ich erkennen. Dass es womöglich sogar Schaden anrichtet, für diese Einsicht brauchte ich noch etwas Zeit. Aber im August 2021 verließ ich offiziell die SGI-Deutschland. Mein Mann folgte meinem Beispiel zwei Wochen später. Damit waren wir nicht nur formal aus der Soka Gakkai ausgeschieden, sondern auch die vielen lieben Weggefährten mit denen wir mehrere Jahrzehnte zusammen Gemeinschaft erlebten, fielen von einem auf den anderen Tag für immer weg. Ich erlebte sehr traurige Begegnungen mit Mitgliedern, die jetzt, wo ich nicht mehr Teil dieser Organisation war, für mich als Person auch kein Interesse mehr aufbringen wollten. Mir wurde sogar entgegnet, man hätte mich ohnehin nicht richtig gekannt. Nach all der Zeit waren das schmerzhafte Erlebnisse. Ich konnte nicht glauben, dass niemand eine echte Diskussion mit mir suchte, dass niemand erfahren wollte, wie ich, langjährige tiefgläubige Soka-Gakkai-Buddhistin, zu dem Schluss gekommen war, dass diese Praxis nicht von Nutzen sei. Dass so viele Menschen, die mir immer signalisiert haben, wie wichtig ich doch sei, nun absolut nichts mehr von mir wissen wollten. Aber diese klare Haltung, die man mir gegenüber nun vertrat, half mir zusätzlich, noch mehr die Wahrheit zu erkennen.
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