Mein Zeugnis (Zeit in der Soka Gakkai)
Hatte sich mit Beginn meiner Praxis so viel in schwindelerregender Schnelle ereignet, bekam die Wohltatenfrequenz in meinem Leben immer größere Abstände und mein Leben bog in mancherlei Hinsicht in ziemlich schräge Richtungen ab. Die Zeit der gewöhnlichen ruhigen und stabilen Liebesbeziehungen war mit Fortschreiten meiner Praxis endgültig vorbei. Ich geriet in zutiefst toxische Affären, die mir nachts den Schlaf und tagsüber sämtliche Energie raubten. Ich geriet immer tiefer in einen Sog von Liebessucht und Abhängigkeit, unfähig mich aus den destruktiven Liebesbeziehungen zu befreien. Anstatt dass ich mit meinem Leben den Beweis für die Richtigkeit der Lehre erbrachte, begann mein Umfeld sich mehr und mehr um mich zu sorgen. Sie sahen das Leid in dem ich tief drinsteckte und sie mussten mit ansehen, wie ohnmächtig ich mich dem weiter hingab.
Beruflich bewegte sich mein Leben ebenfalls einem Desaster entgegen. Zwar erlebte ich nach wochenlangen jeweils über viele Stunden täglicher Praxis der Anrufung des "mystischen Gesetzes" einen kleinen Durchbruch, wo ich die Möglichkeit bekam in einem professionell geführten Volkstheater in Lübeck eine Rolle in einem Kinderstück zu spielen und darauf folgend sogar die Hauptrolle in dem Abendstück, aber bezahlt wurde ich nur pro Aufführung und um meine Miete zahlen zu können, musste ich stets noch andere Jobs annehmen, wie Eisverkauf im Eisstübchen, oder Service im Sport-Casino, oder auch als Kassiererin an der Woolworth-Kasse. Mir wurde immer bestätigt, dass solange ich weiterkämpfe und nicht aufhöre, ich mein Karma ändern würde und dann endlich mein Leben sich stabilisieren würde. Und dann wurde mir noch zusätzlich prophezeit, dass man mit den Früchten dieser Ausübung ohnehin erst so ab dem Alter von 40 Jahren rechnen könne. Bis dahin müsse man sich beharrlich entwickeln mit Hilfe des "mystischen Gesetzes". So hart wie es war und so sehr ich auch litt unter all den Schwierigkeiten, ich glaubte fest daran, dass ich eines Tages sie überwunden haben werde, wie es mir versprochen wurde, und dass ich dann auch beruflich mich endlich etablieren würde. Zunächst ging es aber weiter bergab. Tatsächlich erreichte ich sogar den Tiefpunkt, als nach meinem Umzug in die große neue Stadt, Deutschlands Hauptstadt, mir kein anderer Ausweg mehr erschien, als Hartz IV zu beantragen. Die Scham in meinem Leben wuchs und wuchs. Ich war bereits dreißig Jahre alt und lebte, stets mit vor toxischem Liebeskummer schmerzendem Herzen, in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung und hatte keine Ahnung mehr wie ich mich beruflich berappeln sollte. Aber zumindest in der Liebe erfuhr ich dann doch einen Durchbruch. Als ich abermals in eine Beziehung geriet, die mich mal wieder in den schwersten Liebeskummer trieb, hatte ich tatsächlich plötzlich die Einsicht, wie ich mich und mein Herz in Zukunft beschützen könnte. Ich würde nie wieder mit einem Mann ausgehen, der nicht von vornherein gewillt wäre, mich auch zu heiraten. Ich entschied ab sofort nur noch entschlossene Männer zu treffen, die es wirklich ernst mit mir meinten. Für unverbindlichen Spaß war ich zukünftig nicht mehr zu haben. Dafür war ich nun zu alt, dafür hatte ich keine Zeit mehr. Und auch wenn niemals so ein Mann auftauchen sollte, wäre das für mich okay gewesen. Denn für weniger gab ich mich nicht mehr her. Heute sehe ich da eine Parallele zu den Liebesbeziehungen, die unter Christen geführt werden. Christen nehmen die Partnerwahl auch nicht auf die leichte Schulter und führen nicht erstmal ein Dutzend unverbindliche Liebschaften, sondern sie suchen eine ernsthafte Beziehung, die unter göttlichen Maßstäben zur Hochzeit und Familiengründung führt. Das wusste ich damals aber noch nicht. Ich hatte einfach nur aus meinen leidvollen Erfahrungen gelernt. Und ab sofort diese Standards für mich festgelegt. Dass dies nicht der allgemeine Standard der praktizierenden Buddhisten war, wurde sehr schnell deutlich. Die Single-Frauen aus der Soka-Gakkai hielten meine Strategie für radikal, sie waren sicher, ich würde mit diesem hohen Anspruch auf jeden Fall scheitern. Innerhalb der SGI-D gab es stets einen hohen Anteil an Trennungen und Scheidungen bei den bestehenden Beziehungen, und ebenfalls an unbedacht schnell entstehenden Partnerschaften, die selbstverständlich auch immer schnell zu Intimität miteinander führten. Und ja, auch ich hatte, bis zu meiner neuen extremen Haltung gegenüber Männerbekanntschaften, ein solches Leben geführt. Ein Leben in dem ich mich schnell meinen Gefühlen hingab und meine Vernunft ausschaltete. Und das war der Weg, der mich direkt in Schmerz und Leid führte.Jetzt mit meinem feierlichen Entschluss, mich nie wieder unbedacht auf einen Mann einzulassen, fühlte ich mich richtig gut. Es war als hätte ich eine offene Tür geschlossen, als hätte ich endlich überfällige Grenzen gezogen. Ich war kein Freiwild mehr. Wer mich wollte, musste sich nun wirklich sehr anstrengen. Aus heutiger Sicht kaum verwunderlich, führte diese Strategie zu meiner jetzigen Partnerschaft und Ehe, plus Elternschaft. Für die Mitglieder der SGI-D war meine Änderung vom ewigen Liebeskummer leidenden Mädchen zu einer glücklichen Ehefrau und Mutter ein riesiger Glaubensbeweis und somit eine große Inspiration wie großartig unsere Lehre ist. Natürlich verbuchte auch ich so eine Wendung in meinem Leben, die nach so viel Jahren des unerträglichen Leidens endlich Glück und Stabilität in mein Leben brachte, als Wohltat, die ich von meiner unermüdlichen buddhistischen Praxis erhalten hatte. Und fraglos vertiefte es den Glauben an diese Lehre. Heute allerdings sehe ich den entscheidenden Schritt zu dieser maximalen Veränderung eher in der Radikalität, mit der ich mich allen weiteren unverbindlichen Männerbekanntschaften entsagte, ein Lebensstil, der wohl eher bei christlich geprägten Menschen vorherrscht.
Mit meinem Mann, der auch diesen buddhistischen Glauben praktizierte und sogar aus Japan stammte und in diesen Glauben hineingeboren wurde, stürzte ich mich noch tiefer in diese Ausübung hinein. Mein Mann hatte in Japan die Soka-Schule besucht, an der Soka-Universität studiert und war nach Deutschland ausgewandert, um diese buddhistische Praxis in diesem Land zu verbreiten und zu etablieren. Wir lebten ein Leben für diesen Glauben. Die Schriftrolle war das Zentrum unseres Lebens und der Ehrenpräsident der Soka Gakkai war unser Meister im Leben. Unser Kind bekam seinen Vornamen von diesem Meister verliehen, wir widmeten unser gesamtes Leben, alles was wir hatten, diesem Glauben. Wir waren weiterhin in der Organisation als Leiter tätig, wir erzählten Bekannten von unserer Ausübung und luden sie zu Versammlungen ein. Wir machten buddhistische Studienprüfungen, fuhren auf Arbeitseinsätze in Kulturzentren in Deutschland und Südfrankreich, und gaben natürlich auch vor Ort alles, um Mitglieder und Gäste zu lehren und zu ermutigen. Wir waren außerordentlich beschäftigt. Und natürlich war alles ehrenamtlich.
Jahre vergingen, ich widmete meine Zeit meinem Kind und meinem Glauben und fand schließlich Arbeit im Buchhandel. Es war allerdings gar nicht das Leben, wovon ich am Anfang meiner Praxis geträumt hatte. Das Leben, das man mir einst aber versprochen hatte. Wir lebten auf engstem Raum, hatten zu dritt nur zwei Zimmer, arbeiteten viel, verdienten wenig und unser Leben spiegelte nicht gerade die Großartigkeit unserer Lehre wider. Ich hatte logischerweise immer noch dieselbe Sehnsucht, die mich mit Anfang Zwanzig schon umtrieb. Die Sehnsucht meine mir gegebenen Talente und Begabungen zum Segen dieser Welt einzusetzen. Ich fand mich nicht damit ab, dass ich trotz pflichtbewusster, disziplinierter buddhistischer Praxis nicht meine Berufung gefunden hatte, und sie somit auch nicht zu meinem Beruf machen konnte. Dieses Leben, das wir führten, könnte man auch leicht ohne die tägliche buddhistische Praxis erreichen. Von wegen Unmögliches möglich machen. Dieses Leben war jedem möglich, auch ohne beständig ein Mantra vor einer Schriftrolle zu rezitieren. Tatsächlich war es auch so, dass jeder, aus unserem nicht gläubigen Umfeld, ein viel erfolgreicheres und wohlhabenderes Leben führte, als wir es taten. Wir führten im Vergleich zu unseren Nachbarn in der gesamten Umgebung ein geradezu kümmerliches Leben, und ich schämte mich sehr dafür. Da wir nicht mal den Standard eines üblichen Wohnzimmers bieten konnten, luden wir niemals Nachbarn oder Freunde zu uns nach Hause ein. Nur Mitglieder der Organisation und Gäste, die sich für diesen Glauben interessierten, durften in unsere Wohnung kommen, um vor der Schriftrolle, unsere buddhistische Ausübung zu praktizieren. Ich hielt niemals hinterm Berg mit meinen Zweifeln darüber, warum sich unser Leben nicht endlich mal so entwickelte, wie es immer prophezeit worden war. Es war doch eindeutig, dass hier irgendwas nicht stimmen konnte. Aber niemand wollte diese berechtigten Zweifel hören. Ich hatte bereits die vierzig überschritten und trotzdem kündigte sich kein Durchbruch an. Im Gegenteil. Nun hatte ich auch im Job mit toxischen Strukturen zu kämpfen, unsere Ehe verschlechterte sich dramatisch, so dass mein Mann und ich häufig in Streit gerieten, zwielichtige Handwerker versuchten uns um zweitausend Euro zu betrügen und zu guter Letzt zog ich mir auch noch ein Schleudertrauma zu. Im Strudel dieses Abwärtstrends intensivierte ich noch weiter meine buddhistische Praxis, machte noch mehr Aktivitäten und rezitierte jetzt mittlerweile ganze drei Stunden täglich das mystische Gesetz. Ich erinnere mich daran, wie mir plötzlich der Gedanke kam, dass je mehr ich mich für diesen Buddhismus verausgabte, umso schlechter es mir gehen würde. Ich erlebte tatsächlich, dass nachdem ich zum Beispiel zwei Stunden am Stück meine Ausübung machte, ich prompt danach eine wirklich sehr dumme und schlechte Ursache setzte - ich schrieb eine sehr problematische Whatsapp-Nachricht an meinen Vorgesetzten - und fragte mich hinterher, wie so etwas passieren konnte. Ebenso erfolgte der Unfall, der zu meinem Schleudertrauma führte, auch direkt nach meiner morgendlichen Ausübung. Anstatt dass ich aufhörte oder wenigstens weniger praktizierte, machte ich immer weiter und immer mehr, denn ich glaubte ja daran, dass es zu meiner Karma-Änderung führen würde und ich vermutlich kurz vor dem Durchbruch stand. So fuhr ich also am Ende meiner Kräfte und mit schweren Kopfschmerzen belastet, trotzdem noch in unser buddhistisches Friedenszentrum, um dort mit anderen zu "chanten". Dort sitzend kam mir der Gedanke, dass wenn ich jetzt einfach so weiter machen würde, ich vermutlich nicht mehr lange überleben würde. Und da mir keine andere Lösung bekannt war, sagte ich mir schließlich, "ich chante jetzt weiter mit meiner aller letzten Kraft, selbst wenn es mich mein Leben kostet!"
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