Mein Zeugnis (nach dem Ausstieg)

<- was bisher geschah <-

In mein Leben traten nun komplett neue Gruppen an Menschen auf. Ich lernte diese kennen, durch verschiedene Veranstaltungen, die sich durch die außergewöhnliche weltliche Lage ergaben. Ich bekam nun Kontakt zu gänzlich neuen interessanten Frauen und Männern mit spannenden Hintergründen und Ansichten. Ich stellte fest, dass es da draußen Menschen gab, die noch viel spiritueller unterwegs waren als ich. Ich staunte über Erzählungen von Geistwesen, Channelings und Engeln, und dass man mit Energiearbeit heilen und die Umstände ändern könne. Angefixt von diesen vielen neuen Möglichkeiten machte ich mich im Internet auf die Suche nach dieser neuen Welt, die sich mir da eröffnete. Und es war spannend und aufregend. Ich traf mich vergnügt mit dieser neuen Clique, und der Verlust meiner alten buddhistischen Gemeinschaft war bereits vergessen. Tatsächlich stöberte ich mich immer tiefer durch die New Age Themen durch und absolvierte sogar zwei spirituelle Kurse. Ich fing an zu meditieren und experimentierte mit Energieheilung. Ich trat einer Online-Gruppe bei, die sich hauptsächlich mit Energieheilung und meditativen Heilreisen beschäftigte. Ich probierte mich sogar an Probeklienten mit spiritueller Geistheilung aus. Als aber eine dieser Klientinnen, die unter Schlafstörungen litt, nach meiner unbedarften Behandlung noch schlechter schlafen konnte, brach ich meine energetischen Heilungsversuche unverzüglich ab. Ich hatte geglaubt, diese so unschuldig erscheinende Methode könne nur entweder Symptome verbessern oder eben den vorherrschenden Zustand nicht weiter beeinträchtigen, dass es aber auch zu den Verschlechterungen kommen könnte, ließ mich sofort davon wieder Abstand nehmen. Die Verantwortung jemanden Schaden zuzufügen, war mir viel zu groß. Jetzt war mir diese neue spirituelle Welt doch ein wenig unheimlich geworden.
In den neuen Informationsquellen und Gruppen, in denen ich mich jetzt bewegte wurde auch immer wieder mal die Bibel erwähnt, und dass die Geschehnisse in dieser Welt schon bereits in der Bibel vorausgesagt wurden. Immer wieder hörte ich von jemanden, den Satz, das steht ja auch schon in der Bibel und ich bekam allmählich Interesse daran, jetzt auch mal in die Bibel zu schauen. Ich hatte aber Anfang 2020 eine Ausmistaktion in unserer Wohnung veranstaltet, wo ich sehr viele Dinge wegwarf, damit wir endlich mal etwas mehr Ordnung schaffen könnten. Und im Laufe dieser Aktion bekam ich auch meine Bibel in die Hand, die ich damals als Konfirmandin bekommen hatte, und es kam mir der Gedanke, dass es nun nach einundzwanzig Jahren buddhistischer Praxis mal an der Zeit wäre, mich von ihr zu trennen. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob ich die Bibel dann wirklich in den Altpapiercontainer geworfen hatte oder nicht, aber als ich nun meine Bücherregale absuchte nach ihr, konnte ich sie nicht mehr finden. Jetzt vermisste ich meine Bibel und war so traurig, dass ich sie ausgerechnet jetzt, wo ich wirklich gerne endlich mal in sie hineingeschaut hätte, nicht mehr hatte. Ich schaute mir in den größeren Buchhandel Filialen verschiedene Bibelausgaben an und überlegte, ob ich mir eine neue Bibel kaufen sollte. Ich konnte mich dann aber doch nicht dazu entschließen. 
Die Trennung von meinem alten Glauben arbeitete noch lang in mir und oft hatten mein Mann und ich Diskussionen über das, was wir da so lange praktiziert hatten. Ich erinnere mich, dass ich ihm eines Abends sagte, dass ich mich zu Nichiren Daishonin, den Begründer von diesem Buddhismus, überhaupt nie Nahe gefühlt hatte, aber zu Jesus fühlte ich eine große Nähe, trotz der langen Zeit im Buddhismus. Im selben Moment wunderte ich mich selbst über meine Aussage. Aber ich wusste trotzdem, dass es stimmte.
Manchmal hörte ich Podcasts, wenn ich das Abendessen kochte, und ab und zu ließ ich nebenbei Sendungen auf YouTube laufen, während ich das Gemüse schnippelte. Mein YouTube Algorithmus hatte mir eine Talkshow vorgeschlagen, die ich im Hintergrund laufen ließ. Es war eine ältere Folge der Reihe "Nachtcafe" des Südwestrundfunks. Da waren zwei junge Männer eingeladen, sie waren Zwillinge, und einer von ihnen war schwer an Krebs erkrankt. Sie waren bekannte Youtuber, aber ich hatte noch nie von ihnen gehört. Der krebskranke Zwilling erzählte seine Geschichte, wie er bereits beim zweiten Ausbruch seiner Krankheit vollends zweifelnd ein Zeichen von Gott erbat und tatsächlich eine Begegnung mit Gott erhielt. Zwei Tage später verunglückte seine jüngere Schwester tödlich und dieser krebskranke junge Mann erzählte, wie er gefragt wurde, "wie kannst Du an Gott glauben, jetzt wo deine Schwester verunglückt ist?" Und er antwortete: "Es ist genau anders herum. Weil ich Gott begegnet bin, kann ich den Unfalltod meiner Schwester verkraften. Gott gibt mir die Kraft."
Dieses Interview traf mich mitten ins Herz. Ich war so beeindruckt und berührt von diesem jungen Mann, dass ich sogar meiner Familie beim Abendessen davon erzählte. Ich spürte tief in mir eine Sehnsucht auch so eine Begegnung mit Gott haben zu wollen. Wenn so etwas möglich war, wie könnte man das erreichen? Ich hatte keine Idee, aber diesen vagen Wunsch behielt ich in meinem Herzen.
 
Mittlerweile hatte ich einen neuen Job in einer kleinen Buchhandlung angefangen. Von meinem damaligen Job hatte ich mich in den Corona-Wirren bereits getrennt. Nun wollte ich nochmal mein Glück im Buchhandel probieren, aber ich kam innerhalb kürzester Zeit an meine Grenzen. Die fehlende Ausbildung in dieser Branche fiel mir nun schwer auf die Füße. Mir fehlten die erforderlichen Kompetenzen in allen Bereichen und ich entwickelte Ängste und Schlafstörungen. Gleichzeitig drängte sich das Bibel-Thema immer wieder in den Vordergrund. Ich entwickelte ein unspezifisches Bedürfnis in der Bibel zu lesen. Es war der Sommer der olympischen Spiele in Paris und ich sah mir manche Wettkämpfe in den Streams im Internet an. Nachdem die deutsche Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye Gold gestoßen hatte, hielt sie einen Bibelvers in die Fernsehkamera. Ich rief sofort meinem Mann zu: "Hier! Sie hat Gold gewonnen! Und sie liest die Bibel! Das muss doch dann der richtige Weg sein, schließlich hat sie gewonnen!" Ich fragte mich, ob ich jetzt nicht auch die Bibel lesen sollte. Als ich am nächsten Tag zur Arbeit in die Buchhandlung kam, lagen hinten auf dem Packtisch einhundert Bibeln gestapelt. Ich stieß einen kurzen Schrei aus. Sollte das eine Antwort auf meine gestrige Frage sein? Dieser Zaunpfahl war ja wirklich nicht zu übersehen, der mir da winkte. Der Kollege, der die Auslieferungen normalerweise machte, war leider nicht da, und meine Chefin musste selber ausliefern. Sie fragte, ob ich kurzfristig am nächsten Tag arbeiten könne, und eigentlich wollte ich verneinen, da sagte sie, "damit wir zusammen die Bibeln ausliefern können." Zu meiner eigenen Verwunderung sagte ich direkt und ohne zu überlegen: "Ja". Die hundert Bibeln auszuliefern, war mir irgendwie ein Anliegen. Ich freute mich sogar darauf. Es war auch ein netter Ausflug und zum Dank bekam ich den darauffolgenden Tag frei.

Im Internet recherchierte ich noch weiter nach der deutschen Kugelstoßerin und fand eine Reportage über sie. In dieser Sendung erzählte sie, dass sie jeden Tag die Bibel lese, in eine Gemeinde gehe und aktives Mitglied eines Gospelchors sei. Ich hatte von dieser Art Glaubensausübung gar keine Ahnung, aber ich hatte den Eindruck, dass es sehr wirkungsvoll sei. Ich fing an verschiedene Bibelausgaben zu recherchieren und mir langsam zu überlegen, welche ich mir bestellen würde.

Die Situation auf meiner neuen Arbeitsstelle machte mir weiterhin zu schaffen, aber ich wusste keinen richtigen Ausweg. Eigentlich konnte ich da ja nicht bleiben. Ich hatte einfach nicht das geforderte Knowhow. Aber wohin dann? Und einfach kündigen, traute ich mir nicht.
Da wir in unserer Wohnung ja noch immer unser ganzes buddhistisches Equipment hatten, und auch der Schrein mit der Schriftrolle noch an seiner alten Stelle stand, beschloss ich, dieser Ausübung noch eine letzte Chance zu geben. Ich machte eine Abmachung mit mir und der Schriftrolle. Ich entschied den gesamten Juli 2024 über, nochmals wieder anzufangen, das Mantra zu rezitieren, und zwar dreißig Minuten täglich. Mein Ziel war, dass in diesem Zeitraum sich eine Tür für mich öffnen sollte, diesen Arbeitsplatz verlassen zu können, um an einen neuen Platz zu gelangen, der viel besser zu mir und meinen Fähigkeiten passen würde. Im Gegenzug gelob ich feierlich, dann bis zu meinem Lebensende diese buddhistische Praxis fortzuführen. Ich war der Meinung, dass ich gute Chancen hatte, jetzt eine wirklich gute Glaubenserfahrung zu machen, da ich ja nun eine so lange buddhistische Pause eingelegt hatte. In diesem Fall würden doch wohl die mystischen Kräfte alles daransetzen, mich wieder zurückzugewinnen. Aber weit gefehlt! Das Gegenteil war der Fall. Ich begann meine Challenge und alles fing an, in die verkehrte Richtung zu laufen. Erst kündigte die andere Aushilfe, dann fiel der festangestellte Kollege wegen Krankheit für unabsehbare Zeit aus. Der Monat endete mit der an mich gestellten Frage, ob ich zukünftig mehr arbeiten könnte. Wie auch immer diese Entwicklungen meine buddhistischen Ex-Gefährten ausgelegt hätten, ich hatte meine Antwort. Ich hatte ein klares Ziel formuliert und das Gegenteil war eingetroffen. Das mystische Gesetz hatte nicht geliefert, obwohl es nur diese eine letzte Chance bekommen hatte. Damit verabschiedete ich mich endgültig von dieser Praxis.

Kurz vor unserem Sommerurlaub las ich einen Roman, ein sehr erfolgreiches Debüt einer jungen Autorin. Ich war gerade gedanklich mit ihrem Werk beschäftigt, als mir sehr klar und deutlich eine Eingebung kam: Ich solle einen Blog starten, der "Zeugnis ablegen" heißen würde. Ich war etwas verwirrt. Was für einen Blog? Und was bedeutet Zeugnis ablegen? Diese Bezeichnung gehörte nicht zu meinem Vokabular und ich begann zu googeln, um herauszufinden, was das bedeuten könnte. In der Erläuterung im Internet stand, dass damals vor mehr als zweitausend Jahren die Jünger um Jesus herum seine Auferstehung nach dem Tod am Kreuz bezeugten, sie hatten somit Zeugnis abgelegt. Darauf konnte ich mir zwar keinen Reim machen, aber ich merkte mir diese klare Eingebung und notierte sie mir in mein Tagebuch.

Ende August wollte mein Sohn Bilder in seinem Zimmer aufhängen und benötigte einen Hammer. Ich holte mir einen Hocker und stieg vor dem Regal auf die obere Trittfläche, um an den Kasten mit den Werkzeugen heranzukommen. Da warf ich kurz einen Blick zur Seite, in Richtung, wo mein Kleiderschrank stand. Auf dem Schrank war ein Karton und dieser hatte einen Riss. Und durch diesen Riss leuchtete das Cover eines Buches hindurch. Keine Ahnung wie das möglich war, aber ich erkannte es sofort. "Meine Bibel!" rief ich. "Ich habe meine Bibel wiedergefunden!" Ich schrie es geradezu. Ich konnte es kaum glauben. Meine Bibel war wieder da. Ich hatte meine Bibel wieder, die Gute Nachricht Ausgabe aus den Achtzigern, die ich als Konfirmandin bekommen hatte. Ich war so glücklich! Es war wie ein Wunder! Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass da noch jemand anderes seine Hände mit im Spiel hatte...
Ich versuchte tatsächlich endlich in der Bibel zu lesen und startete mit dem Alten Testament. Ich kam nur bis zu der Stelle, an der Gott entschied, dass ab sofort die Frau die Geburt ihrer Kinder nur noch unter Schmerzen erleiden sollte, dann brach ich wieder ab. Was sollte das? Das gefiel mir nicht. Enttäuscht legte ich die Bibel wieder zur Seite.
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