Mein Zeugnis (meine Bekehrung)
Nach meinem Urlaub entstand auf der Arbeit eine für mich fürchterliche Situation. Ich versuchte nach Feierabend noch ein wenig meine Chefin zu unterstützen, und die Oberlichter im Laden zu schließen. Man brauchte dafür so eine Stange mit einem Haken dran, mit dem man die Oberlichter zudrückte. Ich hatte es schon oft meine Kollegen machen sehen, hatte es selbst aber noch nie gemacht. Es brauchte mehr Schwung als ich dachte, dann ging das Oberlicht auch zu, aber meine Chefin dachte, ich hätte den Haken anstatt in der dafür vorgesehenen Metallschlaufe, einfach nur so gegen das Fenster gedrückt. Sie schrie auf, ich erschreckte mich so sehr, dass ich aus Versehen mit der Stange, die ja mit dem Haken in der Öse steckte, das Fenster wieder aufriss. Dieses Hin und Her hatte das Fenster beschädigt, und es war ein langer Riss in der Scheibe.
Ich fühlte mich so schlecht. Nicht nur, dass mir die nötigen Kompetenzen in
diesem Job fehlten, nun hatte ich auch noch das Fenster beschädigt. Ich
erreichte meinen Tiefpunkt. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Und
meine bereits chronische Angst verstärkte sich.
An dem darauffolgenden Wochenende
fand in der Stadt, in der ich lebe, eine Esoterik-Messe statt. Ich beschloss dahin zu gehen
und dort nach einer Lösung meiner Angst-Problematik zu suchen, und zwar so lange, bis ich etwas
finden würde, was mir helfen könnte.
Die Messe lief über drei Tage, von Freitag bis Sonntag. Ich beschloss schon früh
am Samstagmorgen ab Öffnung der Türen da zu sein. Ich wollte die gesamte Zeit
nutzen. So fing ich an, alle mir interessant erscheinenden Vorträge zu
notieren und dann erstmal in die Verkaufshalle mit den verschiedenen Ständen zu
gehen. Dort angekommen war ich mal wieder erstaunt, was es doch alles für
spirituelle und zum Teil okkulte Möglichkeiten gab, die einem bei
verschiedensten Problemen helfen sollten. Es gab Meditationen,
Energie-Heilungen, Heilsteine, Aura- und Handlesungen, Pendeln, Energieschmuck,
Energiekleidung bis hin zu Stofftieren, die irgendwie energetisch aufgeladen waren,
so dass sie besonders die Alphawellen im Gehirn aktivieren sollten. Es war ein
bunter Mix aus Zaubereien die alle, die wundervollsten Versprechungen machten: Heilungen von allen Arten von Krankheiten und Depressionen, Aktivierungen der inneren Kraft
oder der Erleuchtung, Voraussagen deiner Zukunft oder deiner einzigartigen
Begabungen, Energiebehandlungen, Aufladungen oder Reinigungen. An jedem Stand wurde
mir ein neues Heilsmittel und Offenbarungswunder angepriesen, ich fand es schwer zu
erkennen, welches dieser Methoden denn nun die beste und mir dienlichste sei.
Ich hetzte von Stand zu Stand, von Vortrag zu Vortrag, aber die Zeit lief
unaufhaltsam davon. Ich spürte meist schon sitzend im Vortrag, dass diese gerade vorgeführte
Methode mir nicht helfen würde, aber ich wollte die anderen Zuhörer nicht
stören und blieb dann trotzdem immer bis zum Ende, in der Hoffnung, danach dann endlich die
Lösung zu finden. Ich kaufte hier ein kleines Büchlein und trank dort einen
Tee, aber ich fand nicht die Antwort nach der ich mich sehnte. Schließlich war
der Tag zu Ende und die Aussteller räumten ihre Sachen zusammen. Enttäuscht
ging ich aus der Tür des Gebäudes, in dem diese Messe stattfand, auf die
Straße. Ich war ernüchtert. Ich brauchte Hilfe und hatte keine gefunden. Ich
fuhr unglücklich nach Hause. Aber ich wollte noch nicht aufgeben. Auch wenn ich
keine Idee hatte, was ich auf dieser Messe verpasst haben könnte, beschloss ich
am nächsten Tag, am Sonntag, einfach nochmal hinzufahren.
Ich stand früh am Sonntagmorgen auf und sah mir erneut das Programm der Messe
an. Ich blätterte durch dieses kleine Heft und fand nicht wirklich etwas, was
ich mir konkret nochmal anschauen wollte, oder was ich eventuell verpasst haben
könnte. Ich war irgendwie in einem komischen Zustand. Innerlich diskutierte ich
mit mir selber. Ich fragte mich, "was soll das, wieso will ich da nochmal hinfahren
und nochmal Eintritt zahlen und nochmal diese Stände ablaufen, die ich alle
schon kannte? Welcher Vortrag würde heute schon anders sein als gestern?" Ich
blätterte hin und her, ich verstand mich selbst nicht mehr, aber eine andere
innere Stimme in mir sagte ganz klar: "Fahr nochmal hin!" Und diese Stimme hatte
eine Autorität, der ich mich nicht widersetzen konnte. Für meinen Verstand
ergab es keinen Sinn, aber ich fühlte, ich kann nicht anders als dieser
innerlichen Ansage zu folgen. Also machte ich mich noch einmal auf den Weg zum
Logenhaus in unserer Stadt, in dem die Messe, jetzt den dritten Tag in Folge,
stattfand. Ich hatte verpasst zu Hause zu frühstücken und beschloss auf dem Weg
bei einer Bäckerei Halt zu machen, um mir ein Brötchen oder eine Brezel zu
kaufen. Aber dazu kam es dann gar nicht, denn kaum war ich aus dem Bus gestiegen, sprach
mich plötzlich eine fremde Frau an und fragte mich, ob ich den Weg zum
Logenhaus kennen würde. Ich sagte: „Ja, lustig, sehe ich so aus, als würde ich
zur Eso-Messe gehen?“ Sie lachte und wir hatten ein nettes Gespräch und gingen dann gemeinsam direkt zur Veranstaltungsstätte. Ich wollte nicht unhöflich sein und
einen Abstecher in Richtung eines Cafés machen und dachte, dass ich
mir vielleicht auch auf der Messe, etwas zu Essen kaufen könnte. Als wir angekommen waren, trennten
sich unsere Wege und da es auch bereits nach zehn Uhr war und ich keine weitere
Zeit verlieren wollte, ging ich zum Eingang, löste eine Eintrittskarte und
stand erneut in der Eingangshalle des Logenhauses, wie schon den Tag zuvor. Jetzt begann wieder meine
Verwirrung, ich hatte keinen Plan, was genau ich heute hier anschauen oder
hören wollte. Also ging ich erstmal zur Kantine des Logenhauses, um mich nach
einem Frühstück zu erkundigen. Ich war zu dem Zeitpunkt seit zehn Jahren
Veganerin und fragte die Dame am Tresen, ob sie etwas Veganes für mich zum
Essen hätte. Sie hatten offiziell keine vegane Frühstücksoption, aber sie
wollte mir unbedingt ein schönes Frühstück zubereiten. Sie lief in die Küche
und schnippelte mir mehrere Gemüsesorten klein und richtete diese zusammen mit
einer Schrippe auf einem Frühstücksteller an. Es war so liebevoll gemacht und diese
Geste war so nett von ihr, dass ich davon richtig gerührt war. Ich bestellte noch
einen Tee dazu und nahm Platz auf der sonnenbeschienenen Terrasse. Ich aß
dieses extra für mich kreierte Frühstück und fragte mich immer noch, was ich
jetzt eigentlich konkret mir heute hier anschauen sollte. Durch ein Fenster
konnte ich einen Mann einen Vortrag halten sehen, den ich bereits am Tag zuvor
auch besucht hatte. Ich hatte die Sorge, dass ich heute nichts Neues mehr entdecken
würde.
Schließlich hatte ich mein Mahl beendet und ich beschloss einfach erstmal hoch
in den Verkaufsraum zu gehen, dort wo all die verschiedenen Stände waren. Ich
ging also die Treppe hinauf und kaum hatte ich den Raum betreten, kam eine Frau auf
mich zu. Sie sagte, sie sei vom Stand „Heilen wie Jesus“ und es würde gleich
wieder die Möglichkeit geben, eine Heilung zu empfangen. Sie fragte mich, ob
ich irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden hätte. Ich verneinte und wollte
direkt weitergehen. Ich hatte mich schon abgewandt, da fügte sie fragend hinzu: „Oder haben Sie vielleicht irgendwelche Ängste?“
Ich blieb abrupt stehen. Das war mein Stichwort! Für die Menschen aus meinem
Umfeld war es nicht zu verstehen, aber tatsächlich war ich, seit ich diesen Job
in der Buchhandlung hatte, in eine kritische Angststörung gerutscht, die seit der Aktion
mit dem beschädigten Fenster ihren Höhepunkt erreicht hatte. Jetzt blickte ich diese
Frau direkt an und fragte: „Wo muss ich mich anstellen?“ Sie brachte mich zu
dem Stand. Ich kann mich leider nicht mehr an allzu viel erinnern. Ich glaube,
es gab ein Banner mit der Aufschrift, „Heilen wie Jesus“, aber ob da auch ein
Kreuz stand, kann ich nicht mehr sagen. Ich stellte mich neben eine Frau, die
anscheinend Probleme mit den Ohren hatte. Ein Mann sprach mit ihr. Und wahrscheinlich
betete er dann, aber ich weiß es nicht mehr so genau, ich habe einfach nur abgewartet.
Anschließend hat die Frau erfreut gesagt, dass es jetzt besser sei. Alle Umstehenden
freuten sich. Dieser Mann wandte sich daraufhin mir zu. Er fragte mich, welche
Beschwerden ich hätte. Ich antwortete, dass ich unter einer großen Angst leide. Er hatte
so etwas Rührendes an sich. Mir erschien er nicht als ein Typ, der für die
große Bühne gemacht war. Aber das wiederum machte ihn auch ziemlich vertrauenserweckend.
Vollkommen unaufgeregt sagte er zu mir, ich könne meine Angst Jesus geben. Ich hatte
nach einem Tag Esoterik-Messe ja mittlerweile mit allem gerechnet, aber nun war ich doch etwas überrascht. „Wie soll
das gehen?“, fragte ich ihn, durchaus bereit zu tun, was zu tun wäre. Er sagte,
ich solle die Augen schließen und mir vorstellen, dass ich Jesus meine Angst geben würde. Und zwar ruhig mit einer Geste des Gebens, in dem ich meine Arme ausstreckte, als würde ich etwas
geben wollen. Nun gut, ich war schon etwas enttäuscht, ob der Einfachheit
dessen, wie man an diesem Stand mich von meiner Angst befreien wollte. Und dennoch wollte ich nichts unversucht lassen, obwohl ich nicht allzu große Hoffnungen daran
knüpfte. Leider kann ich mich nicht erinnern, was genau dann weiter geschehen ist.
Ob der Mann dann gebetet hatte? Oder begleitete er mich mit Worten der Anweisung, während ich, die Augen geschlossen, meine Arme langsam nach vorne streckte, um Jesus meine Angst zu geben? Vielleicht hatte er mich auch angeleitet, etwas zu sagen, ich weiß es nicht. Alles woran ich mich dafür aber ganz genau erinnern kann, ist, dass ich plötzlich
so berührt war. Ich stand da, bereit meine Angst im Geiste an Jesus abzugeben, da trifft es mich plötzlich ganz tief in meinem Herzen. Hier war jemand anwesend, der mich sah und mich erkannte, so wie ich bin. Der mich nicht verurteilte, der mir nicht mit
Unverständnis begegnete und genervt war, weil er meine Ängste nicht verstand. Im
Gegenteil. Mir begegnete hier jemand, der ganz genau zu wissen schien, wie es mir
ging und warum ich so leiden musste. Der heute scheinbar nicht zum ersten Mal auf mich traf,
der sogar wie auf mich gewartet hatte, der nicht nur nebenbei mal schnell nochmal jemanden
heilen sollte, um sich dann wichtigeren Dingen zuzuwenden. Nein. Es war als wäre da
jemand, der sich extra für mich hier positioniert hatte, nur um mich zu
treffen. Und er war überhaupt nicht überfordert mit meiner Angst. Er war vollends fähig
damit umzugehen. Ich spürte die Gewissheit, dass ich diesem Jesus meine gesamte Angst zumuten konnte, und er sie dann verantwortungsvoll und mit vollkommener Kompetenz handhaben würde. Und so
jemandem war ich noch nie begegnet. Noch nie hatte mir jemand angeboten, mir meine
Angst abzunehmen, geschweige denn dann auch die Fähigkeit besessen, diese Angst problemlos tragen zu können. Noch Nie! Auch wenn ich doch eben noch dachte, „Hallo? Wie
soll ich bitte schön Jesus hier meine Angst abgeben?“, liefen mir jetzt die
Tränen, weil ich so berührt war von dieser Begegnung. So lange hatte ich
meine Angst alleine getragen und hier gab es jemanden, der mir seine Hände entgegenstreckte
und mir bedeutete, „gib sie mir!“
Ich weiß nicht, ob der Mann an dem Stand das immer so machte, aber angesichts
meiner tiefen Berührung, die ich gerade erlebte, sagte er zu mir: „Du kannst
auch Dein ganzes Leben Jesus geben!“ Oder sagte er: „Du kannst auch Jesus in
Dein Leben einladen und fortan mit ihm gehen,“? Irgendwas in dieser Art
sagte er jedenfalls zu mir, ich kann mich leider nicht mehr genau daran
erinnern. Ich antwortete nochmals: „Wie soll das gehen?“ In meinem Kopf tauchte der Umstand auf, dass man ja auch zwei Jahre Konfirmandenunterricht absolvieren musste, bis
man konfirmiert werden würde. Selbst eine Taufe würde auch einige Vorbereitungen mit
sich ziehen. Wie könnte ich jetzt hier auf der Messe, und nicht wenigstens in einer Kirche,
einen Bund mit Jesus schließen? Er antwortete, er würde jetzt hier mit mir ein Gebet
sprechen und die anderen Frauen und der eine Mann, die auch noch zu diesem Stand
gehörten, wären dann die Zeugen. Irgendwie lustig, aber diese Erklärung überzeugte mich schon.
Ich hatte zwar gar keine Ahnung, was jetzt passieren würde und was ich da
überhaupt tat, aber ich wollte es. Ich wollte unbedingt diesen Jesus in meinem
Leben haben, wenn das irgendwie möglich wäre. Ich wollte noch viel mehr von ihm. Ich
wollte zu ihm! Leider kann ich mich auch nicht mehr an das Gebet erinnern, was
dieser Mann mir vorsprach und ich dann wiederholte. Ich erinnere mich nur noch,
dass ich spürte, dass jetzt etwas sehr Großes passierte. Und ich hatte kurz den
Gedanken, was wird mein Mann dazu sagen? „Was hat meine Frau denn nun wieder
angestellt?“
Und ich weiß noch, dass ich an der Stelle, an der ich meine Sünden bereuen
sollte, dachte, wieso sagt dieser Mann das einfach? Der kennt mich doch gar
nicht! Woher will er wissen, ob ich gesündigt habe?
Ich hatte wirklich so gar
keine Ahnung von dem, was da gerade passierte.
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